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Berthold, Mina, Werner und Evi Weil

Eine Ludwigsburger Familie wird ermordet

Hartenstein-Allee 5

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Ab 2007 begann die Ludwigsburger Stolpersteine-Initiative, die Geschichten der NS-Ermordeten dieser Stadt zu recherchieren. Erschreckend ist, dass auch weiterhin immer noch Geschichten zu recherchieren und zu berichten sind. Erschreckend, wie viele Menschen aus Ludwigsburg Opfer des Nazi-Terrors wurden – erschreckend, wie viel Unterstützung dieser Terror in erheblichen Teilen der Bevölkerung hatte. Und weil es passiert ist, kann es auch wieder passieren. Das zu verhindern, ist unser aller Verantwortung.

Zufällig entdeckte ich bei einem Freund ein längst vergriffenes Buch von Karen Noetzel aus den 1990ern. Es ging um die Geschichte des Nationalsozialismus in Asperg. In diesem Buch wurde am Rande die Geschichte der Familie Weil aus Ludwigsburg erzählt. Ich hörte zum ersten Mal von Mina, Berthold, Werner und Evi Weil. Für dieses Buch bekam Karen Noetzel damals viele Anfeindungen – in Asperg wollte oder konnte man sich in Teilen noch nicht damit auseinandersetzen, dass hoch angesehene und alteingesessene Familien Nazi-Verstrickungen hatten und manche Ehrenbürgerschaften fragwürdig erschienen.

Ich nahm Kontakt zu Karen Noetzel auf, die heute in Berlin als Journalistin und Autorin arbeitet, und bekam erste Auskünfte über die Weils. Es freut mich, dass sie für die Stolpersteinverlegung eine kurze Grußbotschaft verfasst hat:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Stolpersteinverlegung für Berthold, Mina, Werner und Evi Weil,

als ich vor mehr als 25 Jahren damit begann, zur Herrschaft des Nationalsozialismus in Asperg zu recherchieren, ahnte ich nicht, was emotional auf mich zukommen würde. Es war, glauben Sie mir, nicht nur einmal so, dass ich das Aktenstudium unterbrechen musste, weil sich in den Dokumenten so unfassbar Grausames offenbarte. Die Grausamkeit von Menschen an Menschen widerfuhr auch der Familie Weil, Berthold, Mina, Werner und Evi Weil. Berthold Weil war der Schwager Hans Frischauers, der eine Farben- und Lackfabrik in Asperg betrieb; daher der Bezug.

Das Leid dieser ehemaligen Nachbarn wäre der Vergessenheit anheimgefallen, gäbe es nicht das größte dezentrale Mahnmal der Welt, die Stolpersteine. Ich spreche dem Erfinder der kleinen Bodendenkmäler, dem Künstler Gunter Demnig, meinen Dank aus. Er hat einmal gesagt: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Herrn Demnigs Projekt ruft die Erinnerung an die von den Nazis Gedemütigten, Entrechteten, Verfolgten und Ermordeten an jenen Orten wach, an denen sie zuletzt freiwillig gelebt haben.

Ich danke der Stolperstein-Initiative Ludwigsburg und ihren Mitgliedern für ihre engagierte Arbeit. Sie hat es erst ermöglicht, dass heute in der Hartensteinallee 5 diese vier Stolpersteine verlegt werden. Damit entsteht ein weiterer Ort des Innehaltens, des Gedenkens und ein Mahnmal gegen das Vergessen.

Vielen Dank! Und machen Sie weiter!

Ich grüße Sie alle ganz herzlich aus Berlin,

Ihre Karen Eva Noetzel.

Nun zur Geschichte der Familie Weil:

Die Eltern von Berthold Weil waren die in Ludwigsburg lebenden Leopold Weil und Karoline, geborene Löwenthal. Deren Grabstein gibt es heute noch auf dem Israelitischen Friedhof innerhalb des neuen Friedhofs Ludwigsburg. Berthold Weil wurde 1891 in Ludwigsburg geboren und hatte vier Geschwister: Seine Schwester Julie starb bereits einjährig, Bertha emigrierte mit ihrem Mann Moritz Strauß und ihrer Tochter 1933 nach Palästina, Theodor lebte mit seiner Frau und Tochter in Berlin. Diese Familie wurde 1943 in Auschwitz ermordet, und in Berlin sind Stolpersteine für sie verlegt. Seine Schwester Meta Frischauer, ihr Mann Hans und ihre Kinder Robert und Walter wurden ebenfalls von den Nazis ermordet – für sie wurden bereits 2009 in Ludwigsburg Stolpersteine verlegt.

Berthold Weil heiratete 1925 im Alter von 34 Jahren die 26-jährige Mina Weil, geborene Lämmle. 1927 freute sich das Ehepaar Weil über die Geburt ihres Sohnes Leopold Hans Werner (Rufname: Werner). Fünf Jahre später, 1932, wurde ihre Tochter Eva Doris Karoline (Rufname: Evi) geboren.

Die Familie Weil wechselte innerhalb Ludwigsburgs mehrmals den Wohnort. Im Einwohnerbuch von 1936 ist der Wohnort mit Hartensteinallee 5 angegeben. Es wird versucht, Stolpersteine an den zuletzt frei gewählten Wohnorten zu verlegen. Die vielen Schikanen und bereits existenzbedrohenden Maßnahmen der Nazis noch vor der sogenannten „Endlösung“ gegenüber den als jüdisch eingestuften Mitbürger*innen machen dies nicht immer einfach. Oft ist unklar, welcher Umzug noch freiwillig war und welcher aus finanziellen oder anderen Nöten letztlich erzwungen wurde. Dies wird auch am Schicksal der Familie Weil deutlich, und wir haben uns entschieden, an der Hartensteinallee 5 mit Stolpersteinen an die Familie zu gedenken.

Berthold Weil war von Beruf Kaufmann und Prokurist. Sein Vater Leopold Weil war bereits seit 1889 Teilhaber der Wachsfabrik / Chemischen Fabrik Weil & Eichert. Berthold Weil wurde in der Nachfolge seines Vaters Fabrikdirektor dieser Ludwigsburger Firma. Bei seinem Einstieg war die Firma zu einem Drittel in jüdischem Besitz (die anderen zwei Drittel gehörten zu gleichen Teilen den Unternehmerfamilien Eichert und Zeh). Deshalb kam es nach 1933 zu zahlreichen Schikanen seitens von Nazi-Verbänden wie der DAF und zahlreichen NSDAP-Dienststellen. 1935 stand das Unternehmen mit 14 weiteren Ludwigsburger Firmen auf einer Liste der Nationalsozialisten, in der zum Boykott dieser Firmen aufgerufen wurde. Um die jüdische Beteiligung am Firmenbesitz zu verschleiern, beschloss man die Umfirmierung in „Chemische Fabrik Zeh und Co.“. Bei zwar noch unveränderten Besitzanteilen war der Name der jüdischen Familie Weil nun nicht mehr im Firmennamen enthalten.

Kurz darauf wurde Berthold Weil auf Betreiben von NSDAP-Funktionären 1936 zum Ausscheiden aus der Firma gezwungen. Man fand Berthold Weil spottbillig ab. In einem Brief formulierte er hierzu rückblickend 1937, dass man ihn um die Hälfte seines Vermögens gebracht habe. Bertholds Schwester Bertha Strauß und Mina Weils Nichte Gertrud Basto (geborene Frischauer) machten als Erben 1948 Rückerstattungsansprüche gegenüber der Chemischen Fabrik Ludwigsburg Zeh & Co. geltend. Diese begründete jedoch letztlich gerichtlich erfolgreich mit ihren Firmenanwälten ein angebliches „wunschgemäßes Ausscheiden“ von Berthold Weil. Die Firma sei damals völlig mittellos gewesen, und aus zwingenden unternehmerischen Gründen habe das Ausscheiden von Berthold Weil vorgenommen werden müssen. Das Ausscheiden sei einvernehmlich und wunschgemäß gewesen. Fadenscheinig wurde behauptet, dass die Firma darüber hinaus Berthold Weil eine übermäßige Ausbezahlung getätigt habe, um ihm „eine auskömmliche Existenz zu gewährleisten“. Das Gerichtsurteil zugunsten der Chemischen Fabrik Ludwigsburg Zeh & Co. war ein Schlag ins Gesicht der überlebenden Verwandten von Berthold Weil.

Heute heißt die Firma ZELU Chemie GmbH und hat ihren Sitz in Murr. Auf ihrer Homepage findet sich zur Firmengeschichte lediglich ein einziger Satz mit dem Hinweis, dass man bereits 1889 als Weil & Eichert gegründet wurde. Auf eine schriftliche Anfrage der Stolpersteine-Initiative nach Unterstützung, Auskunft und firmeneigenen Unterlagen zu Berthold Weil antwortete die Geschäftsführung der ZELU recht lapidar: Die heutige ZELU lasse sich zwar bis zur Gründung der Weil & Eichert AG im Jahre 1889 zurückverfolgen, ansonsten habe man heute jedoch keinen Bezug mehr zu diesem Unternehmen. Bei der ZELU scheint es derzeit offensichtlich kein Bewusstsein dafür zu geben, dass man zwar keine Schuld an den Verbrechen der Vergangenheit trägt, aber sehr wohl eine Verantwortung für die Aufarbeitung und Erinnerung dieses eng mit der eigenen Firmengeschichte verbundenen Schicksals der Gründerfamilie hat.

Aufgrund des erzwungenen Ausscheidens aus der Firma versuchte Berthold Weil, sich in Spanien eine neue Existenz aufzubauen. Er gründete dort die Firma Weil & Gutierrez, um – wie teilweise auch in Ludwigsburg – Schuhcreme zu produzieren. Leider wurden 1936 im Spanischen Bürgerkrieg seine Maschinen in Alicante bei einer Bombardierung zerstört. Berthold Weil stand vor dem Nichts.

Nun suchte er sein Glück in Italien, und ihm gelang die Ausreise nach Mailand. In der Zwischenzeit waren seine Frau und seine Kinder 1936 mehrmals umgezogen. Ab November 1936 wohnte man in Stuttgart in der Augustenstraße 36. In der anonymen Großstadt versuchte Mina Weil, die Auswanderung nach Italien vorzubereiten. Dies gestaltete sich schwierig, da der nationalsozialistische Staat versuchte, der jüdischen Bevölkerung so viel Geld wie möglich abzupressen. Die Familie sollte für Berthold Weil eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 10.000 Reichsmark an das Finanzamt Ludwigsburg bezahlen. Nachdem man der Familie also ihre Existenzgrundlage in Ludwigsburg genommen hatte, sollte Berthold Weil nun zusätzlich eine astronomisch hohe Summe dafür bezahlen, dass er aus diesem Grund ins Ausland geflüchtet war.

Skrupellos und gegenteilig zu der späteren Darstellung von 1948 verhielt sich zudem die Chemische Fabrik Ludwigsburg Zeh & Co. Nachdem man Berthold Weil bereits durch den Ausschluss aus der Firma um die Hälfte seines Vermögens gebracht hatte, wollte die Fabrik nun auch noch vom vermuteten Rest möglichst alles. Deshalb verklagte die Firma ihn auf Zahlung von 15.000 Reichsmark. Berthold Weil habe unbefugt – was nachweislich nicht stimmte – chemische Produkte nach ihren Rezepten fabriziert. An einer wie 1948 behaupteten „auskömmlichen Existenz“ für Berthold Weil war man bei der Ludwigsburger Chemiefabrik ganz offensichtlich nicht interessiert.

Die Familie sorgte sich nicht nur um die Beschlagnahmung ihres restlichen Vermögens. Vor allem befürchtete man, wegen dieser Forderungen nicht nach Italien auswandern zu dürfen. An eine Zukunft in Deutschland glaubten die Weils schon lange nicht mehr. Mina Weil wurde derweil auch von der Gestapo bedrängt, dass ihr Mann zurückkomme. 1938 gelang es ihr schließlich, mit ihren beiden Kindern Deutschland zu verlassen und zu ihrem Mann nach Italien zu fliehen. Nach Auskunft ihrer Nichte gelang diese Flucht mit dem Auto.

Durch die Achse Berlin–Rom war den Weils jedoch klar, dass man auch im Mussolini-Staat nicht mehr sicher war. Die Familie fasste deshalb den Entschluss, nach Kuba zu emigrieren. Alle Möbel wurden verkauft, und man zog in eine Pension. Das noch verbliebene Hab und Gut lag bereits versandfertig im Hafen von Triest. Leider gelang die Ausreise nicht mehr – die Familie wurde kurz zuvor verhaftet und musste am 21. April 1944 in das Konzentrationslager Fossoli. Das Lager diente unter anderem als Durchgangslager zur sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ und dem Weitertransport in die Vernichtungslager im Osten. Von Fossoli wurde die Familie Weil am 16. Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Am 14. November 1944 kam Berthold Weil in das Konzentrationslager Sachsenhausen und drei Tage später, am 17. November 1944, nach Dachau. Laut Unterlagen verschiedener Archive erfolgten diese Deportationen gemeinsam für die ganze Familie. Diese gemeinsame Deportation der gesamten Familie nach Dachau ist jedoch zweifelhaft. Lediglich Berthold Weil ist als Zugang in Dachau eindeutig belegt. Das Schicksal der Familie bleibt teilweise unklar. Aufschlussreich ist jedoch eine Zeugenaussage von Eugen Keller. Er war ein ehemaliger NS-Polizist und sagte 1966 vor dem Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen, Dezernat 15, aus.

Seine Aussage legt nahe, dass Mina Weil und ihre Tochter Evi unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet wurden, während Berthold Weil und Sohn Werner die Selektion zunächst überstanden. Berthold Weil starb demnach im Außenlager Kaufering des KZ Dachau im Januar 1945. Eugen Keller war für die Nazis als Polizist in Italien im Einsatz. Er bewachte und begleitete die Deportation der Weils und Hunderter weiterer Gefangener zur „Endlösung“ nach Auschwitz. Die Aussage von Eugen Keller erhielt ich von Professor Carlo Gentile. Der Professor ist historischer Sachverständiger und Gutachter bei Strafverfahren gegen NS-Kriegsverbrechen in Italien. Da Eugen Keller 1966 bei seiner Aussage bisher unveröffentlichtes Täterwissen offenbarte, wird seine Aussage von Gentile als in Teilen glaubhaft eingestuft. Allerdings scheint es so, dass Eugen Keller seine eigene Schuld an der Shoa relativierte und beschönigte. Obwohl er als Zeuge geladen war, befürchtete er möglicherweise, selbst für seine Mittäterschaft belangt zu werden. Bei der Zugfahrt sei er lediglich für die Verpflegung der Deportierten zuständig gewesen und habe diese gut versorgt. Er habe ohnehin nur eine Deportation begleitet und erst in Auschwitz erfahren, was dort geschehe.

Nachfolgend einige Auszüge aus der Aussage von Eugen Keller vom 2. Mai 1966:

"Ich erinnere mich daran, dass in einer der Wagons eine jüdische Familie aus Stuttgart sich befand. … Sie seien daraufhin nach Italien geflüchtet."

Keller wusste sowohl den Mädchennamen von Mina als auch den Ort ihrer familiären Herkunft. Dieses Wissen konnte er nur durch tatsächlichen direkten Kontakt erlangt haben. Eugen Keller sagte anschließend unter anderem über die Weils in Auschwitz aus. Er beschrieb auch, wie die Weils und die anderen rund 540 Häftlinge mittels Stößen und Stockschlägen von der SS aus den Güterwaggons getrieben wurden. Anschließend schilderte Keller die Selektion: “Ich stand dabei, als die Familie aus Stuttgart … Ich konnte ja doch auch nichts machen."

Eugen Keller beschrieb auch, wie zur unmittelbaren Ermordung selektierte Menschen in Auschwitz mittels Knüppeln zu den Gaskammern getrieben wurden. Allerdings sei ihm davon schlecht geworden, und er habe nicht weiterverfolgt, wie die Selektierten seines Zuges, darunter wohl Mina und Evi Weil, zu den Gaskammern geprügelt wurden.Nicht eindeutig sind die Tage und Orte der Ermordung der Weils. Als Stolpersteine-Initiative berufen wir uns nach Abgleich sämtlicher relevanter Archivunterlagen und deren teilweise widersprüchlicher Auskünfte auf folgende Version: Berthold Weil wurde wohl im Dachau-Außenlager Kaufering am 20. Dezember 1944 ermordet. Ob Mina, Evi und Werner Weil in Dachau, in Auschwitz oder auf einem Todesmarsch nach Dachau ermordet wurden, ist nicht zweifelsfrei feststellbar. Der Tod von Mina Weil und Eva Doris Karoline Weil ist im Bundesarchiv mit Januar 1945 in Dachau vermerkt. Das Todesdatum von Leopold Hans Werner Weil ist lediglich mit dem Ort Dachau, jedoch ohne Datum angegeben. Die Stolpersteine-Initiative beruft sich bei der Frau und den Kindern von Berthold Weil auf diese Eintragungen im Bundesarchiv. Diese werden trotz der nicht eindeutigen Datenlage auf den Stolpersteinen verwendet. Eva Doris Karoline wurde 12-jährig, Leopold Hans Werner 17-jährig, Mina Weil 44-jährig und Berthold Weil 53-jährig ermorde

t.Diese Recherche wäre mir ohne die umfangreiche Hilfe von Gisela Scharlau, Christian Rehmenklau, Walle Mugler, Regina Witzmann, Carlo Gentile und Karen Noetzel nicht gelungen. Hierfür vielen Dank. Vielen Dank auch an die die Stolpersteinverlegung begleitenden Musiker Hans Pflugfelder und Hubert Grossmann.

Marc Haiber

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